
Ein Gespräch über Corona in der Kreativ- und Kommunikationsbranche mit Julia Kopper und Robert Felgentreu, den Gründer*innen der Berliner Agentur muxmäuschenwild.
Die aktuellen Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung von COVID-19 treffen, neben der Touristikbranche und der Gastronomie, vor allem die Kreativ- und Kommunikationsbranche an empfindlichen Stellen. Vor allem Agenturen und Dienstleister jenseits von zehn Mitarbeitern – von der Druckerei, über Caterer bis zum Anbieter für Veranstaltungstechnik –müssen kurzfristig Lösungen finden, um die Situation nachhaltig zu meistern. Wir haben mit den Gründer*innen der Berliner Agentur muxmäuschenwild , – Geschäftsführerin Julia Kopper und Creative Director Robert Felgentreu – über ihre Gedanken zum Umgang mit der Corona-Krise geredet.
Was bedeutet die aktuelle Situation für eine kleine Kommunikations-Agentur?
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Robert Felgentreu: Natürlich sind alle unsere Kunden in unterschiedlichem Ausmaß betroffen und verunsichert. Der typische Reflex ist der Rotstift, verbunden mit der Frage „Wo kann ich schnell sparen?“. Das ist im ersten Schock verständlich, im zweiten Moment muss ich mich jedoch fragen: „Was ist unternehmerisch nötig, um mit der neuen Situation umzugehen, sie zu meistern und meiner Verantwortung als Unternehmer, Arbeitgeber, Geschäftspartner und Teil der Gesellschaft gerecht zu werden?“. Nein, wir alle werden in ein paar Wochen ganz sicher nicht einfach wieder zur alten Normalität zurückkehren können, als wäre nichts geschehen. Aber wir werden uns an die neuen Umstände anpassen, Wege finden, uns mit ihnen zu arrangieren und beginnen, sie zu gestalten, weil wir als Menschen dazu in der Lage sind, solange wir nicht den Kopf in den Sand stecken.
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Habt ihr Rituale oder Methoden, um die Moral aufrechtzuerhalten?
JK: Eine große Herausforderung in Zeiten des Langzeit-Home-Offices ist es, die Arbeitsmotivation hochzuhalten, denn die zwischenmenschlichen Gespräche – die ganz stark dazu beitragen, wie glücklich man im Job ist – kommen ohne physische Anwesenheit im Office häufig zu kurz. Dazu kommt, dass die Wege im magischen Dreieck zwischen Couch, Schreibtisch und Kühlschrank jede Menge Stolpersteine beinhalten. einmal versackt, wird es schwer, sich wieder in die anstehenden Aufgaben zu vergraben. Da geht es uns wie den Allermeisten, würde ich behaupten. Wir haben im Team Tipps geteilt, wie man Zeit für sich individuell gut strukturiert und es schafft, konzentriert zu Hause zu arbeiten. Den täglichen Austausch fördern wir durch Check-in-Calls am Morgen, regelmäßige Teammeetings via Zoom oder Verabredungen zum digitalen Teamkaffee am Morgen. Sogar einen Teamlunch gab es schon. Außerdem stellen wir allen frei, unter Einhaltung der Hygieneregeln auch vom Büro aus zu arbeiten. Unser Office erstreckt sich über drei Etagen und bietet genügend Rückzugsmöglichkeiten. Gerade in unsicheren Zeiten wird deutlich, wie wichtig es ist, ganz transparent im Team zu kommunizieren. Wir haben das Team von Beginn an in unsere Überlegungen und Gedanken zur Krise einbezogen, Optionen und Schritte gemeinsam besprochen und wiederholt das Feedback erhalten, um dadurch Sicherheit zu geben. Es gilt also nicht nur die Wirtschaftlichkeit unserer Agentur im Blick zu behalten, sondern auch ganz individuell auf die persönliche Situation oder die Ängste im Team einzugehen.
Manchmal gibt es bei Krisen auch eine andere Seite; gibt es Learnings in dieser schwierigen Zeit, die ihr teilen wollt?
- Alles kann passieren. Wir sehen, wie schnell vermeintlich unverrückbare Wahrheiten ins Wanken geraten können. Wer seriös wirtschaftet und sich damit eine stabilere Grundlage erarbeitet, kann besser auf Krisensituationen reagieren und ein gewisses Mehr an Sicherheit bieten. Das ist nicht neu, gerät aber bei zu starkem Fokus auf Drive und Startup-Denke, manchmal in den Hintergrund. Solides Business ist nicht altbacken, sondern ziemlich sexy. Orts- und systemunabhängige Strukturen helfen, dieses Business krisensicherer abzubilden.
- Homeoffice ist großartig. Aber nicht nur. Natürlich ist es toll, ortsunabhängig zu arbeiten. Und die modernen Tools und natürlich auch die Art unserer Arbeit erlauben uns das problemlos, wie sich zeigt. Dennoch sind der direkte menschliche Kontakt und der zwischenmenschliche Austausch essenziell. Nicht nur für die Qualität unserer Arbeit, sondern auch für die seelische Gesundheit und die Freude an dem, was wir tun.
- Haltung gibt Sinn. Wenn wir viel mehr Zeit haben, darüber zu reflektieren, was wir tun, wie wir es tun und vor allem warum wir es tun, trennt sich zwangsläufig irgendwann die Spreu vom Weizen. Wahrscheinlich führt die Krise auch dazu, dass sich viele kritisch mit ihrer aktuellen Tätigkeit auseinandersetzen. Aufgaben, die uns herausfordern und erfüllen, KollegInnen, die wir mögen, und Kunden, die wir schätzen, motivieren uns eher zu guter Arbeit, die uns auch erfüllt. Für uns ist das seit jeher ein entscheidender Leitgedanke.
- Bei sich bleiben. Es gibt Situationen, in denen man nicht um Rat fragen kann, weil sie so neu, so anders sind, als alles Bisherige. Im Angesicht der Herausforderung gilt es, konstruktiv und besonnen zu bleiben. Wer den Kopf oben behält, seinen Werten und Ansichten treu bleibt und seiner Verantwortung gegenüber Kunden, Partnern, Dienstleistern, Mitarbeitern usw. gerecht wird, trägt dazu bei, dass die Realität am Ende unter den Befürchtungen bleibt. Es gilt vernünftig und der Tragweite der Situation angemessen zu agieren, klug zu entscheiden und dabei vor allem das Morgen nicht aus dem Blick zu verlieren.
- Transparente Führung ist die einzige Form von Führung. Zumindest für uns. Was nicht bedeutet, dass alle Gedanken und Entscheidungen basisdemokratisch getroffen werden müssen. Aber durch das Nachvollziehbarmachen unternehmerischer Entscheidungen wächst automatisch das Vertrauen in diese.
Last but not least: Was ist eure Einschätzung – versetzt Corona Print den Todesstoß?
Robert Felgentreu: Ich denke, das Gegenteil könnte der Fall sein. Es ist ein natürlicher Reflex, in Krisen- und unsicheren Zeiten auf Bewährtes und Vertrautes zurückzugreifen. Wir mögen es schwarz auf Weiß. Zum anderen lehrt uns die aktuelle Situation sehr viel in Bezug auf unsere Mediennutzung. Prognosen und Wahrheiten wechseln nicht täglich, sondern stündlich. Was eben noch wie der Weisheit letzter Schluss klang oder Anlass zur Empörung bot, ist inzwischen bereits überholt. Das kann durchaus heilsam sein. Wir übersättigen uns gerade selbst und sind dankbar für substantiellere, differenziertere Auseinandersetzungen. Die schreiben wir vor allem etablierten (Print)-Medien zu, die in den letzten Jahren mit der Click-Bait-Peitsche durch den Ring getrieben wurden. Geschwindigkeit ist nicht mehr die einzig relevante Größe.
Zuerst erschienen in tbd*